April 2017

Kitsch als Lebenshilfe – auch im Film?

Gedanken über ein Buch

In ihrem Buch „Die (un)erträgliche Seichtigkeit des Seins“ (Telos, 2015) beschäftigt sich Elisabeth Hurth mit Fragen der Bewertung des Kitsches. Der Untertitel „Zwischen Religion und Kitsch“ hätte genauso gut lauten können: „Zwischen Kunst und Kitsch“. Und wenn man ihren subtilen Überlegungen folgt, könnte man so gar von „Kitsch in Heftroman und Film“ sprechen. Was den Film und speziell Serien betrifft, erweist sich die Autorin anhand ihrer bisherigen Veröffentlichungen (u. a. „Religion im Trend oder Inszenierung für die Quote?“, Patmos, 2008) als aufmerksame und langjährige Beobachterin von „Religion und Unterhaltung“ und der „Bedeutung der religiösen Dimensionen in den Medien“, und insofern beschreibt der Untertitel exakt, worum es in der Untersuchung geht: Die Bewertung von religiösem Kitsch im Film. Das bedeutet auch eine Auseinandersetzung mit Riten und Klischees, womit gewöhnlich in Filmen Bezüge zur Religion dargestellt werden.

Kitsch als „Lebensfaktor“ zu definieren, trägt wenig zur Klärung bei, weist aber darauf hin, dass wir dem Kitsch allenthalben begegnen. Helmut und Loki Schmidt haben sich einstens zur Kitschecke in ihrer Wohnung bekannt. Vermutlich besitzen viele Menschen Souvenirs, die man dem Kitsch zuordnen kann, aber nicht wegwerfen will.

Warum wegwerfen? Dem Kitsch haftet ein Negativimage an, das sich etymologisch nicht eindeutig festlegen lässt. Die Autorin folgt einer Deutung, die darauf abhebt, das Wort dem mundartlichen „Kitschen“ zuzuordnen, was so viel bedeutet wie „Straßenschmutz oder Dreck zusammenkehren“. Das verweist auf den meist abwertenden Wortgebrauch, enthält aber auch einen Hinweis auf den lebenspraktischen Gebrauch von Kitsch.

In einem „Lobpreis“ zeigt Hurth, was Kitsch alles kann: „Kitsch lässt uns träumen ... rührt uns an ... unterhält uns ... entlastet uns ... ist eindeutig ... macht uns Mut … bestätigt uns ... lässt uns an die Macht der Liebe glauben ... tröstet und erbaut uns“. Zusammengefasst: „Kitsch ist lebensbejahend. Er vermittelt uns ein optimistisches Weltbild und Menschenbild. Er schenkt uns die Zuversicht, dass wir letztlich (doch) in einer schönen, geordneten Welt leben, die von guten Mächten getragen ist. So wie die Welt von ihrer ganzen Anlage her gut ist, so rechtschaffen sind auch die Vorzeigehelden des Kitschs. Sie werden nicht niedergedrückt von der Macht des Bösen, sie besitzen vielmehr die Fähigkeit ‚gut’ zu sein und zu handeln.“

In dieser Beschreibung finden sich viele Elemente, die wir auch in einer Beschreibung von Religion gleich oder ähnlich wieder entdecken können. Wenn man – was nicht oft geschieht – Kitsch zum Gegenstand theologischen Nachdenkens macht, kann man in dem Buch auch viel über Religion in der Postmoderne entdecken. In der Tat, das Buch erweist sich in dieser Hinsicht als wahre Fundgrube. Plausibel wird gezeigt, wie Religion heute auch – ohne Gott –  in den Medien funktioniert.

Beispielhaft nennt die Autorin die erste deutsche Telenovela „Bianca – Wege zum Glück“.
Schon im Titel ist das gute Ende verheißen. Anschaulich wird menschliches Verhalten wie auch Formen der Befriedigung von Grundbedürfnissen (z. B. Sexualität), die aus religiöser Sicht als Fehlverhalten gewertet werden. Die Protagonisten glauben an keinen persönlichen Gott, sind aber nicht einfach gottlos, sie glauben an höhere Mächte wie das Universum, das Schicksal oder eine Fügung. In diesem diffusen Glauben wird die christliche Erlösungsbotschaft nicht einfach stillgelegt, sondern neu ausgerichtet, sie wird psychologisiert und in den zwischenmenschlichen Bereich verlegt.
Was Schuld – theologisch gesehen – zur Sünde macht, nämlich die Abwendung von Gott, fällt hier aus. „Aber das, was auch zur Sünde gehört – egoistisches, selbstsüchtiges Verhalten – kommt explizit zur Sprache“, so Elisabeth Hurth.

Die akademische Fragestellung nach Kitsch und Religion in bestimmten Filmen erweist sich mit diesem Hinweis auf konkretes menschliches Verhalten durchaus als lebensnah. Mit dem Urteil: „Das ist Kitsch“, erspart man sich die Auseinandersetzung mit der Sache der Religion - und auch der Kunst, weil Religion ihre höchste bildliche Darstellung in Kunstwerken gefunden hat. Man kann Filme als Kunstwerk anerkennen, ohne die vom Künstler intendierte religiöse Konnotation für sich zu akzeptieren. Von einem Filmkritiker zum Beispiel wird dieses Unterscheidungsvermögen erwartet, auch wenn er sich selbst als Agnostiker oder Atheist versteht. Die Belohnung für die Auseinandersetzung mit dem Kitsch besteht in einem erheblichen Erkenntnisgewinn über Religion, Kunst und die eigenen Wertmaßstäbe.

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