Februar 2018

Loslassen können

Treu in der Pflicht,
Wahr im Rat,
Fest in der Tat.          (Unbekannter Verfasser)

„Man muss loslassen können“. Diesen Spruch habe ich in verschiedenen Varianten in den letzten Jahren immer wieder gehört. „Der kann nicht loslassen“, ist ein häufig gefälltes negatives Urteil. „Du kannst nicht loslassen“ ist eine direkt auf die Person gezielte Aufforderung. „Rechtzeitig loslassen können“ wird bisweilen zu einer Hochform der Lebenskunst stilisiert. Auf eine penetrante Art der Aufforderung hörte ich unlängst jemanden unwirsch antworten: „Ich will aber gar nicht loslassen“. Es war die Person, mit der ich mich wenige Minuten davor über Vererben und Nießbrauch unterhalten habe.

Als ich allein war, erinnerte ich mich an meinen Großvater, der sein Landgut möglichst früh an seinen ältesten Sohn übergeben wollte, aber durch die Kriegsereignisse daran gehindert wurde, zwei Söhne verlor und damit gezwungen war, weiter zu machen. Seine Maxime war der eingangs erwähnte Sinnspruch. Er hat in meinen Augen pflichtbewusst gelebt und gehandelt, ist auch so gestorben, wie ich es für mich selbst wünsche. Ihn, den so viele Menschen um Rat angingen, hörte ich einmal sinngemäß sagen, als es um eine Entscheidung ging, bei der auch von Loslassen die Rede war: Guter Rat ist teuer. Aber seinen Preis wert, wenn er auch wahr ist.

Ich gebe gerne zu, dass ich den Hinweis, er müsse auch wahr sein, lange nicht verstanden habe, auch deshalb nicht, weil es offenbar nicht um Geld ging, sondern um Zeit. „Zeit ist Geld?“ Seit ich älter wurde und ein gewisses Ansehen erreicht habe, werde ich immer häufiger um Rat gefragt. Wir leben heute in einer „Multioptionsgesellschaft“ und das heißt, unsere Wahlmöglichkeiten haben sich wesentlich erweitert und das macht Entscheidungen nicht leichter. Und je mehr Optionen sich bieten, dann ist jede Entscheidung für  e i n e  der Möglichkeiten, mit dem Ausschluss der anderen immer schon teuer bezahlt. Folglich ist es umso wichtiger, dass der Rat für die eine auch wahr, wahrhaftig und ehrlich ist.

Das gilt auch für den Rat „Loslassen“ als schnelle universal gültige Antwort: Loszulassen verspricht Erleichterung. Neuen Raum, um Schönes zu entdecken, Zeit, um uns von Altlasten zu befreien, abzuschütteln, was uns bedrückt und blockiert. Nicht loslassen bedeutet, dass wir in einer Situation verharren, die uns nicht gut tut, und uns dadurch ständigem seelischem Stress aussetzen, der unserer Gesundheit schadet. Nur mit einer Hand loslassen, das hält niemand lange aus. Wenn schon, denn schon.

„Los zu lassen“ erscheint als Rat auf den ersten Blick gut gemeint und harmlos. Wird „rechtzeitig“ hinzugefügt, ist es ein Hinweis darauf, vorsichtig zu sein, die Zeitumstände zu beachten. Persönlich bin ich dem guten Rat selbst nicht nur einmal im Leben gefolgt und habe gute Erfahrungen damit gemacht. Leider auch schlechte! Argwöhnisch bin ich erst geworden, als ich merkte, dass das jemand sagte, der bei rechtzeitig nur sich und nicht mich im Blick hatte. Es ging ihm nicht darum mir zu helfen, sondern um mich loszuwerden oder um sich nicht mit mir weiter auseinander setzen zu müssen.

So hellhörig geworden, merkte ich, der „harmlose“ Rat kann in Wahrheit als nicht erkennbare Waffe verwendet werden. Loslassen am Abgrund kann tödlich sein. Nun gehe ich aber davon aus, dass in den meisten Fällen, der Rat „loszulassen“ oder „rechtzeitig loszulassen“ gut gemeint ist. Fazit: Das Leben hat mich aber gelehrt, vorsichtig mit allgemeinen Ratschlägen umzugehen.

Einmal darauf aufmerksam geworden, achte ich bei Filmen, wenn ich Ratschläge erkenne, darauf, mit welcher Absicht sie gegeben werden und wie sie sich im weiteren Geschehen auswirken. Für mich selbst habe ich jüngst eine Fingerübung im Tagebuch auf den Hinweis „Kommt Zeit, kommt Rat“ gemacht, auch der ist zweischneidig! Und dann habe ich in meinem Bücherregal nach der früher viel gebrauchten, inzwischen etwas verstaubten Jubiläumsausgabe „Geflügelte Worte – 100 Jahre“ von Georg Büchmann gegriffen. Sie enthält eine Unmenge von Zitaten und Sprüchen, aber ich habe weder das Lebensmotiv meines Großvaters, noch irgendeinen Hinweis auf „Loslassen“ gefunden, es scheint offensichtlich eine Modeantwort auf die Probleme unserer Zeit geworden zu sein.

AMD

 

 

Archiv