Bericht über das 14. Symposium in Rom „Versöhnung im und durch Film“

In Zeiten zunehmender politischer und gesellschaftlicher Spannungen, die sich bis in die individuelle Ebene menschlichen Miteinanders aktuell in einer gewissen Aufgeregtheit, Gereiztheit sogar Aggression im alltäglichen Umgang bemerkbar macht, scheint Versöhnung zur Zeit dringend notwendiger denn je.

Ob nun zwischen gesellschaftlichen Gruppen, im Zusammenhang mit individuell erfahrenen Leid und Unrecht oder als Problematik zwischen kriegsbedingt verfeindeten Völkern – das 14. Symposium in Rom hat mit dem Thema „Versöhnung im und durch Film“ vom 21.3.-23.3.2019 im Centro Congressi Augustinianum am Petersplatz diese Fragen in den Blick genommen. Im Unterschied zu vorherigen Symposien ging es in diesem Jahr um die zentrale Fragestellung, ob Versöhnung, die im Film stattfindet auch Versöhnung durch Film ermöglichen und unterstützen sollte, um damit auf gesellschaftliche Probleme zu antworten und ihnen zu entsprechen.

Anhand preisgekrönter Filmbeispiele wie „Kaddisch für einen Freund“, der von Autor und Regisseur Leo Khasin und der betreuenden WDR-Redakteurin Lucia Keuter vorgestellt wurde und erzählt, wie eine hassaufgeladene Begegnung zwischen einem alten osteuropäischen Juden und einem jungen Palästinenser zu einer tief versöhnten Freundschaft wird, ist die zentrale Fragestellung des Symposiums lebhaft und kritisch von den Teilnehmern und dem Filmteam diskutiert worden.

Die in Deutschland gänzlich unbekannte Problematik der „administrativen Versorgung“, die als öffentlich-rechtliche Zwangsmassnahme in der Schweiz bis 1981 praktiziert wurde und Menschen von Amts wegen in Umerziehungsheime sperren ließ, die den damaligen rigiden Moralvorstellungen scheinbar nicht zu entsprechen schienen, erzählt der ebenfalls mit Preisen ausgezeichnete Film „Lina“, den zum ersten Mal auf dem römischen Symposium ein Schweizer Filmteam präsentierte. Anne Walser von den c-films in Zürich, zur Zeit erfolgreichste Schweizer Produzentin, berichtete mit ihrem Filmteam bestehend aus Maya Fahrni, die den Film für das Schweizer Fernsehen betreut hatte, dem Drehbuchautor Jan Poldervaart und der brillanten Jungschauspielerin Rabea Egg, die für ihre Rolle als Lina den Schweizer Fernsehfilmpreis erhalten hat, vor allem von den gesellschaftlichen Versöhnungsimpulsen, die dieser Film für die betroffenen Opfer bewirken konnte und unterstrich damit, dass Versöhnung durch engagierte Filmproduktionen durchaus möglich ist.

„Mademoiselle Marie“, von Peter Ponnath mit wenig Geld und viel Herzblut produzierter Musical-Doku-Spielfilm und bislang größter Musical-Erfolg der Cadolzburger Burgfestspiele, versucht als fränkische Produktion die mühsamen Anfänge deutsch-französischer Versöhnung nach dem zweiten Weltkrieg im Franken der 50er Jahre nachzuzeichnen. Durch dokumentarische Elemente über das Massaker von Oradour, wo im Juni 1944 die deutsche Waffen SS fast die komplette Bevölkerung massakrierte und den Ort komplett niederbrannte, bekommt dieser Film mit seiner eigenwilligen und ungewöhnlichen Machart eine berührende zeitgeschichtliche Dimension, die das Versöhnungsbemühen durch diesen Film unterstreicht, wie Fritz Stiegler, der Drehbuchautor, und Thomas Dröge, Koproduzent für die Cadolzburger Burgfestspiele, engagiert betonten.

Wissenschaftlichen Hintergrund für die angeregten Diskussionen lieferten die medienethischen Überlegungen von Prof. Alexander Filipovic von der Hochschule für Philosophie in München über das Versöhnungspotential von Filmen mit Blick auf ethische Werte, die filmisch erzählt und damit gesellschaftlich vermittelt werden können.

Einblicke in die tiefen Grundlagen von Versöhnungsprozessen gab der Vizerektor der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom, Prof. Hans Zollner SJ, mit seinen brillanten Ausführungen über religiöse und psychologische Dimensionen von Versöhnung, die er über die Geschichte vom verlorenen Sohn miteinander verwoben als Tiefenschicht von Versöhnungsgeschehen entwickelte und durch Schilderungen aus seiner psychotherapeutischen Praxis deutlich machte.

Inwiefern Konflikte zwischen Individuen, Gruppen oder ganzen Gesellschaften so tief sein können, dass sie als Dysbalancen erfahren werden und von daher einer Bewältigung dessen bedürfen, nämlich einer Beendigung dieser Konflikte durch Versöhnung, ist Gegenstand des spannenden Vortrags von Clemens Albrecht, Prof. für Kultursoziologie an der Universität Bonn, gewesen. Auf recht anschauliche Weise demonstrierte er die verschiedenen möglichen Varianten und Konstellationen, die Versöhnungsprozesse möglich machen oder eben nicht.

Wie in diesem Kontext nun Filme als Impulsgeber für Versöhnung fungieren können, referierte Martin Leiner, Prof. für Evangelische Theologie und Leiter des Centers for Reconciliation and Peace an der Universität Jena mit einer ganzen Palette an Impulsen für die anwesenden Filmschaffenden.

Über Filme, die Versöhnung fördern aufgrund von Verständnis und Empathie, die beispielsweise für „Fremde“ und „Feinde“ im Rahmen der Filmhandlung geweckt werden oder solche, die über Vorbildgeschichten zeigen, wie Menschen sich im Sinne einer versöhnenden Haltung ändern können oder als abschreckendes Beispiel Lebensgeschichten erzählen, in denen das nicht gelungen oder möglich gewesen ist, bis hin zu Filmen über die Schönheit und Ästhetik des Friedens wie bei Wim Wenders „Inventing Peace“ zählte Martin Leiner eine ganze Reihe von Filmbeispielen auf, in denen dies deutlich wird.

Wichtig war es ihm als Versöhnungsforscher jedoch vor allem, Anregungen für die Herstellung und Produktion von Filmen anhand von konkreten Filmbeispielen zu geben, die durch ihre Erzählweise entweder Versöhnungsfördernd und –unterstützend sein oder eben ambivalent bzw. sogar negativ Versöhnungsprozesse beeinflussen können.

Dr. Volker Stanzel, Botschafter a.D., Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik und Senior Distinguished Fellow an der renommierten Stiftung für Wissenschaft und Politik in Berlin erweiterte die wissenschaftliche Diskussion zum Thema Versöhnung um eine politologische Komponente, indem er die Bemühungen und Strategien von Gesellschaften und Staaten zur Bewältigung kollektiv erlebten oder zugefügten Leids unterschied. Von Vergessen bis zur dauerhaft wachgehaltenen Erinnerung, von Reue und Buße bis zu Entschuldigung und Entschädigung versuchen politische Akteure Vergangenheitsbewältigung und gesellschaftliche Aussöhnung und damit innergesellschaftliche und auch zwischenstaatliche Versöhnung zu erreichen, wie Stanzel aus seiner zu diesem Thema veröffentlichten Studie ausführte. Erst durch erfolgreiche Versöhnungsstrategien aber können nationale und internationale Friedensbemühungen greifen und Frieden schaffen.

Wie nun Filmproduktionen in Zeiten gesellschaftlicher Umbrüche auf die damit verbundenen Spannungen reagieren können und sollten wurde zum Teil recht kontrovers diskutiert von Dr. Simone Emmelius, ZDF, Christian Granderath, NDR, Joachim Kosack, UFA/Berlin, Anne Walser, c-film Zürich, Jan Poldervaaart, Zürich, Dr. Volker Stanzel, Barbara Klimmeck und den anwesenden Filmschaffenden und Branchenvertretern.

Dass gesellschaftliche Versöhnung und empathische Abbildung gesellschaftlicher Realität durch Filme einander bedingen und auch künftigen Produktionen hier ein zentraler Stellenwert zukommt, war der Streitpunkt einer z.T. hitzigen Diskussion, die eines klar gemacht hat: Versöhnung ist und bleibt eine dauerhafte Anfrage und Aufgabe, soll gesellschaftlicher Frieden und Ausgleich gerade durch Filme unterstützt werden.

Novum dieses Symposiums war der Besuch bei der internationalen Laienbewegung SantEgidio, die vor 50 Jahren in Rom gegründet worden ist und durch ihre erfolgreiche Friedens- und Versöhnungsarbeit international geschätzt wird, nicht nur kirchlich, sondern vor allem auf staatlicher Ebene. Dr. Cesare Zucconi, Generalsekretär von SantEgidio, machte in seinen Ausführungen zum Entstehen und der Arbeit dieser Bewegung eines deutlich: wer Versöhnung und Frieden schaffen will muss konsequent und beharrlich daran arbeiten.

Bleibt zu hoffen, dass dieser Impuls auch über das Ende des engagierten und durch herzlich interessiertes Miteinander geprägten 14. Symposiums noch lange nachhallt.

 
Bericht: Barbara Klimmeck
Fotos: Axel Röbkers, Peter Ponnath